Beckenboden-Apps auf Rezept: Drei DiGA-Programme im Test
Rund ein Drittel aller Frauen entwickelt in den ersten Monaten nach einer vaginalen Entbindung eine Belastungsinkontinenz – also ungewollten Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport.

Gleichzeitig erreicht weniger als die Hälfte der Betroffenen eine spezialisierte Beckenboden-Physiotherapie. Lange Wartezeiten, fehlende Angebote vor Ort und der organisatorische Aufwand mit einem Neugeborenen machen die Versorgung nicht gerade einfacher.
Seit dem Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) im Dezember 2019 gibt es in Deutschland ein Instrument, das diese Lücke zumindest teilweise schließen soll: Digitale Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA. Das sind medizinische Anwendungen, die unter bestimmten Voraussetzungen auf Rezept verordnet werden können. Für Patientinnen bedeutet das: kein Kauf im App-Store, keine monatlichen Abo-Kosten und – bei einer Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenkasse – in der Regel keine eigene Zuzahlung.
Für den Bereich Beckenboden und Beckenfunktion stehen im BfArM-Verzeichnis derzeit drei DiGA-Programme zur Verfügung: Kranus Mictera, INKA und HelloBetter Vaginismus Plus. Sie laufen jeweils über zwölf Wochen, verfolgen aber unterschiedliche therapeutische Ansätze und richten sich an unterschiedliche Beschwerdebilder.
Wer nach einer Geburt unter Urinverlust beim Sport leidet, braucht eine andere Anwendung als eine Patientin mit ständigem Harndrang. Und Schmerzen beim vaginalen Einführen sind wiederum ein eigenes Thema. Ein sinnvoller Vergleich der Beckenboden-Apps auf Rezept beginnt deshalb nicht mit dem Namen der App, sondern mit der Frage: Welche Symptome sollen eigentlich behandelt werden?
Wie eine DiGA für den Beckenboden funktioniert
Digitale Gesundheitsanwendungen sind keine gewöhnlichen Fitness-Apps und auch kein Beckenbodentraining mit hübscher Erinnerungsfunktion. Sie gelten als Medizinprodukte und müssen die dafür geltenden regulatorischen Anforderungen erfüllen. Bei DiGA kommen grundsätzlich niedrige Risikoklassen infrage, insbesondere Klasse I oder IIa. Die Einstufung hängt von der konkreten Anwendung und ihrer medizinischen Funktion ab; eine pauschale Zuordnung zu den Klassen IIa oder IIb ist nicht richtig.
Für die Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, müssen die Hersteller einen positiven Versorgungseffekt nachweisen. Dabei kann es um einen medizinischen Nutzen oder um patientenrelevante Verfahrens- und Strukturverbesserungen gehen. Der Nachweis erfolgt je nach Zulassungsweg und Datenlage mit klinischen Untersuchungen oder vergleichenden Studien. Das unterscheidet eine DiGA von einer frei verfügbaren Rückbildungs-App, die zwar fachlich gut gemacht sein kann, aber nicht automatisch denselben Prüf- und Nachweisweg durchlaufen hat.
Für Patientinnen ist der Ablauf vergleichsweise unkompliziert:
1. Eine Ärztin oder ein Arzt stellt die passende Diagnose und prüft, ob die DiGA für das Beschwerdebild infrage kommt.
2. Die Anwendung wird auf Rezept, als eRezept oder im vorgesehenen Verordnungsweg verschrieben.
3. Die Patientin reicht das Rezept bei ihrer Krankenkasse ein. Je nach Kasse kann das digital, per App oder auf anderem Weg erfolgen.
4. Nach der Genehmigung erhält sie einen Freischaltcode und aktiviert damit die Anwendung.
5. Über den vorgesehenen Zeitraum bearbeitet sie die Trainings- und Therapiemodule eigenständig.
In der Regel sind Gynäkologinnen, Gynäkologen oder Hausärztinnen und Hausärzte die Ansprechpersonen für die Verordnung. Ob Hebammen DiGAs im jeweiligen GKV-System direkt verordnen dürfen, ist nicht als allgemein geklärt vorauszusetzen. Wer eine Anwendung über eine Hebamme empfohlen bekommt, sollte deshalb konkret bei der eigenen Krankenkasse oder der behandelnden Praxis nachfragen, wie die Verordnung organisiert werden kann.
Ab April 2026 steht Ärztinnen und Ärzten mit der EBM-Ziffer GOP 01482 zudem eine eigene Vergütung für die ärztliche Verlaufskontrolle bei der Inkontinenz-DiGA Kranus Mictera zur Verfügung. Diese Regelung gilt seit April 2026. Sie verändert nicht die eigentliche Nutzung der App, zeigt aber, dass die ärztliche Begleitung digitaler Therapieangebote stärker in die Versorgung eingebunden werden soll.
Eine DiGA strukturiert Therapie. Sie ersetzt aber weder die Untersuchung noch die Fähigkeit, einen komplizierten Befund richtig einzuordnen.
Was eine App nicht leisten kann, ist mindestens so wichtig wie das, was sie kann. Sie ertastet nicht, ob eine Patientin den Beckenboden tatsächlich anspannt oder stattdessen die Luft anhält und den Bauch unter Druck setzt. Sie beurteilt keinen Prolaps, misst keine Gewebespannung und ersetzt keine gynäkologische oder physiotherapeutische Untersuchung. Bei neu aufgetretenen, starken oder unklaren Beschwerden bleibt die Diagnostik der erste Schritt.
Die drei Programme: unterschiedliche Indikationen, unterschiedliche Schwerpunkte
Die drei zugelassenen Anwendungen werden häufig unter dem Schlagwort Beckenboden zusammengefasst. Das ist verständlich, führt aber schnell zu falschen Erwartungen. Inhaltlich behandeln Kranus Mictera, INKA und HelloBetter Vaginismus Plus nicht dasselbe Problem.
Kranus Mictera
Kranus Mictera richtet sich an Frauen mit Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz. Das Programm verbindet gezieltes Beckenbodentraining mit Blasentraining und Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie.
Bei einer Belastungsinkontinenz geht beim Husten, Niesen, Lachen, Heben oder Sport ungewollt Urin ab. Bei einer Dranginkontinenz steht dagegen ein plötzlich einsetzender, schwer kontrollierbarer Harndrang im Vordergrund. Eine Mischinkontinenz vereint beide Muster. Gerade bei einer Mischform ist es hilfreich, nicht nur die Muskulatur zu trainieren, sondern auch das Verhalten rund um Toilettengänge, Trinkmenge und das Reagieren auf Harndrang zu betrachten.
Kranus Mictera ist damit die breiteste der drei Anwendungen, aber nicht automatisch für jede postpartale Beckenbodenbeschwerde die richtige Wahl. Ein Druckgefühl im Becken, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder ein Verdacht auf eine Senkung sind keine Fragen, die sich durch das Starten eines Trainingsprogramms erledigen.
INKA
INKA konzentriert sich auf die überaktive Blase und Dranginkontinenz. Im Mittelpunkt stehen personalisiertes Beckenbodentraining, Blasentraining, ein Miktionstagebuch und Strategien, mit denen sich plötzlich auftretender Harndrang besser kontrollieren lässt.
Das ist ein anderer Ansatz als bei der klassischen Belastungsinkontinenz. Wer beim Joggen oder Niesen ein paar Tropfen verliert, aber ansonsten problemlos mehrere Stunden zwischen den Toilettengängen verbringt, findet sich in der Zielgruppe von INKA möglicherweise nicht wieder. Wenn dagegen häufige, dringliche Toilettengänge den Alltag bestimmen oder der Harndrang kaum aufzuschieben ist, passt die Indikation eher.
Das Miktionstagebuch kann dabei helfen, Muster sichtbar zu machen. Es zeigt beispielsweise, wie oft die Blase tatsächlich entleert wird, in welchen Situationen der Drang auftritt und ob bestimmte Gewohnheiten die Beschwerden verstärken. Es ersetzt allerdings keine Abklärung von Ursachen wie einem Harnwegsinfekt oder anderen urologischen Problemen.
HelloBetter Vaginismus Plus
HelloBetter Vaginismus Plus behandelt nichtorganischen Vaginismus und nichtorganische Dyspareunie. Das Programm richtet sich damit an Frauen, bei denen das Einführen, penetrativer Geschlechtsverkehr oder gynäkologische Untersuchungen durch Schmerzen, Angst oder eine unwillkürliche Anspannung der Beckenbodenmuskulatur erschwert oder unmöglich sind.
Neben Entspannungs- und Beckenbodenübungen umfasst die Anwendung ein Sensualitätstraining, schrittweise Einführungsübungen und einen psychologischen Chat. Das Ziel ist nicht, Schmerzen zu übergehen oder den Körper möglichst schnell zu etwas zu zwingen. Es geht vielmehr um einen strukturierten Umgang mit Anspannung, Erwartungsangst und schrittweiser Gewöhnung.
HelloBetter Vaginismus Plus ist deshalb keine allgemeine Rückbildungs-App und keine Alternative zu einer Inkontinenztherapie. Umgekehrt wird eine Patientin mit Vaginismus durch ein reines Training gegen Urinverlust nicht ausreichend unterstützt.
Kranus Mictera, INKA und HelloBetter im direkten Vergleich
| Merkmal | Kranus Mictera | INKA | HelloBetter Vaginismus Plus |
|---|---|---|---|
| Hauptindikation | Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz | Überaktive Blase und Dranginkontinenz | Nichtorganischer Vaginismus und Dyspareunie |
| Beschwerdemuster | Urinverlust bei Belastung, Drang oder einer Kombination aus beidem | Plötzlicher Harndrang, häufige Toilettengänge, Drangverlust | Schmerzen, Angst oder unwillkürliche Anspannung beim vaginalen Einführen |
| Zentrale Inhalte | Beckenbodentraining, Blasentraining, kognitive Verhaltenstherapie | Beckenbodentraining, Blasentraining, Miktionstagebuch, Drangstopp-Strategien | Entspannung, Beckenbodentraining, Sensualitätstraining, Einführungsübungen, psychologischer Chat |
| Programmdauer | 12 Wochen | 12 Wochen | 12 Wochen |
| Zulassungsstatus | Dauerhaft im BfArM-Verzeichnis gelistet | Aufnahme in das BfArM-Verzeichnis im Februar 2026 | Dauerhaft im BfArM-Verzeichnis gelistet |
| PZN | – | 20514505 | 18016941 |
| GKV-Erstattung | Bei Verordnung vollständig übernommen | Bei Verordnung vollständig übernommen | Bei Verordnung vollständig übernommen |
Die entscheidende Zeile in dieser Tabelle ist nicht die Programmdauer, sondern die Indikation. Die drei Anwendungen sind keine austauschbaren Beckenboden-Apps, zwischen denen man nach Bedienkomfort oder Design auswählen sollte.
Bei einer postpartalen Belastungsinkontinenz – etwa Urinverlust beim Trampolinspringen, Joggen, Husten oder Hochheben des Kindes – liegt Kranus Mictera näher. Bei starkem, kaum unterdrückbarem Harndrang und häufigen Toilettengängen kommt INKA infrage. Bei Schmerzen oder einer unwillkürlichen Verkrampfung beim Einführen ist HelloBetter Vaginismus Plus die passendere Richtung.
Was digitale Beckenbodentherapie leisten kann
Der praktische Vorteil einer DiGA liegt in ihrer Verfügbarkeit. Die Patientin muss nicht für jede Übung einen Termin bekommen und kann die Einheiten in den Tagesablauf integrieren. Gerade im ersten Jahr mit einem Baby ist das ein relevanter Unterschied. Ein Training, das zu Hause und zu unterschiedlichen Tageszeiten möglich ist, kann leichter in den Alltag passen als eine Therapie, die nur mit langen Anfahrtswegen und festen Terminen erreichbar ist.
Hinzu kommt die Struktur. Viele Frauen wissen grundsätzlich, dass sie den Beckenboden trainieren sollten. Unklar bleibt aber oft, wie häufig, wie lange und mit welcher Intensität. Eine DiGA kann Einheiten aufeinander aufbauen, an Übungen erinnern und Rückmeldungen zum Verlauf abfragen. Das ist sinnvoller als eine lose Sammlung von Videos, bei der jede Patientin selbst entscheiden muss, welche Übung gerade passt.
Auch das Verhalten rund um die Blase spielt eine Rolle. Bei Drang- und Mischinkontinenz reicht es nicht immer aus, die Beckenbodenmuskulatur isoliert anzuspannen. Trinkverhalten, vorsorgliche Toilettengänge, Reaktionen auf Harndrang und die Angst vor dem nächsten Missgeschick können den Alltag ebenso beeinflussen. Die entsprechenden Module machen aus dem Training einen breiteren Therapieansatz.
Die Grenzen bleiben trotzdem deutlich:
1. Keine körperliche Befundaufnahme. Eine App kann nicht beurteilen, ob der Beckenboden zu schwach, zu angespannt oder in seiner Koordination gestört ist. Gerade nach Geburt und Wochenbett ist diese Unterscheidung wichtig. Nicht jede Frau mit Urinverlust braucht mehr Anspannung; manche muss zunächst lernen, den Beckenboden wieder loszulassen.
2. Keine manuelle Behandlung. Bei einer ausgeprägten Schwäche, Schmerzen, Narbenproblemen, einem Verdacht auf Senkung oder einer dauerhaft erhöhten Muskelspannung kann eine individuelle physiotherapeutische Behandlung notwendig sein. Dazu gehören je nach Befund Palpation, Atem- und Druckmanagement, Biofeedback oder die Behandlung verspannter Strukturen.
3. Keine Abklärung von Warnzeichen. Blut im Urin, Fieber, starke Schmerzen, neu auftretende Taubheitsgefühle, Probleme bei der Blasenentleerung oder eine deutliche Verschlechterung gehören ärztlich abgeklärt. Eine DiGA ist nicht dafür da, solche Symptome auszusitzen.
4. Eigenständigkeit bleibt Voraussetzung. Die Anwendung gibt einen Rahmen vor, trainiert aber nicht anstelle der Patientin. Wer die Einheiten selten nutzt oder Übungen dauerhaft mit falscher Technik ausführt, wird vom digitalen Format nicht automatisch aufgefangen.
5. Einheitliche Dauer bedeutet nicht individuelle Therapie. Alle drei Programme sind auf zwölf Wochen angelegt. Das ist der vorgesehene Nutzungszeitraum der jeweiligen Anwendung, aber kein Versprechen, dass jede Beschwerde danach verschwunden ist. Bei leichten Beschwerden kann diese Zeit für einen guten Einstieg reichen. Komplexere Befunde brauchen häufig länger oder zusätzliche Behandlung.
Die häufige Frage, ob digitale Rückbildung im App-Test besser oder schlechter als ein Kurs abschneidet, führt deshalb in die falsche Richtung. Eine DiGA und ein Rückbildungskurs erfüllen nicht dieselbe Funktion. Ein Kurs kann Bewegung, Körperwahrnehmung und allgemeine Rückbildung vermitteln. Eine DiGA setzt dagegen eine bestimmte medizinische Indikation voraus und arbeitet innerhalb eines festgelegten Therapieprogramms.
Verordnung, Kosten und Nutzung im Alltag
Für gesetzlich Versicherte ist die Kostenfrage zunächst klar: Wird eine DiGA verordnet und von der Krankenkasse freigegeben, übernimmt die GKV die Anwendung vollständig. Für das Programm selbst fällt keine reguläre Zuzahlung an. Das gilt nicht automatisch für jede beliebige Beckenboden-App, sondern nur für die jeweilige zugelassene DiGA im vorgesehenen Verordnungsweg.
Beim Stichwort Beckenboden-App und Krankenkasse sollte man deshalb genau unterscheiden:
- Eine frei heruntergeladene Trainings-App wird nicht allein deshalb erstattungsfähig, weil sie medizinische Begriffe verwendet.
- Eine im BfArM-Verzeichnis gelistete DiGA kann bei passender Indikation auf Rezept verordnet werden.
- Die Krankenkasse benötigt die Verordnung beziehungsweise den vorgesehenen Nachweis, bevor sie den Freischaltcode ausstellt.
- Die konkrete praktische Abwicklung kann sich zwischen den Kassen unterscheiden.
- Nach Ablauf des zwölfwöchigen Programms endet der reguläre Zugang zu den vorgesehenen Therapiemodulen in der Regel.
Die PZN kann die Zuordnung bei der Abrechnung erleichtern. Für INKA ist die PZN 20514505 angegeben, für HelloBetter Vaginismus Plus die PZN 18016941. Bei Kranus Mictera sollte die verordnende Praxis die aktuell erforderlichen Produktdaten verwenden.
Der übliche Ablauf sieht so aus:
1. Beschwerden einordnen: Geht es um Urinverlust bei Belastung, starken Harndrang, Schmerzen oder eine Kombination verschiedener Symptome?
2. Diagnose sichern: Die ärztliche Praxis klärt, ob die Beschwerden zur Indikation der jeweiligen DiGA passen und ob zunächst eine andere Untersuchung oder Behandlung erforderlich ist.
3. Verordnung ausstellen: Das kann über ein Papierrezept oder als eRezept erfolgen, abhängig vom Ablauf in der Praxis.
4. Krankenkasse einbeziehen: Die Patientin reicht die Verordnung bei ihrer Kasse ein und wartet auf die Freigabe.
5. Programm starten: Mit dem Freischaltcode wird die Anwendung aktiviert. Danach sollten die Übungen möglichst regelmäßig und in der vorgesehenen Reihenfolge durchgeführt werden.
Die ärztliche Verlaufskontrolle gewinnt dabei an Bedeutung. Seit April 2026 gibt es für die Kontrolle bei der Inkontinenz-DiGA Kranus Mictera eine eigene EBM-Ziffer. Das ist kein Ersatz für persönliche Physiotherapie, kann aber helfen, den Verlauf nicht vollständig der App und der Eigenmotivation zu überlassen.
Welche DiGA passt zu welchem Beschwerdebild?
Eine einfache Zuordnung ersetzt keine Diagnose. Als erste Orientierung kann sie trotzdem helfen.
Kranus Mictera passt eher, wenn …
- Urin beim Husten, Niesen, Lachen, Heben oder Sport verloren geht;
- zusätzlich Drang oder häufige Toilettengänge auftreten;
- eine Mischinkontinenz vorliegt;
- das Thema Blase den Alltag einschränkt und Vermeidungsverhalten entstanden ist;
- ein strukturiertes Training mit ergänzenden verhaltenstherapeutischen Elementen sinnvoll erscheint.
INKA passt eher, wenn …
- ein plötzlicher, schwer kontrollierbarer Harndrang im Mittelpunkt steht;
- Toilettengänge sehr häufig oder kaum aufzuschieben sind;
- es zu Urinverlust kommt, bevor die Toilette erreicht wird;
- ein Miktionstagebuch helfen kann, Auslöser und Muster zu erkennen;
- die Beschwerden in Richtung überaktive Blase eingeordnet wurden.
HelloBetter Vaginismus Plus passt eher, wenn …
- das Einführen eines Tampons, eines Fingers oder beim Geschlechtsverkehr schmerzhaft oder nicht möglich ist;
- sich die Beckenbodenmuskulatur unwillkürlich stark anspannt;
- gynäkologische Untersuchungen durch Angst oder Schmerzen erschwert sind;
- ein schrittweises, psychologisch begleitetes Vorgehen gewünscht ist;
- nicht der Urinverlust, sondern Schmerz und Einführungsprobleme das Hauptproblem darstellen.
Die Diagnose bestimmt die Wahl der DiGA – nicht die Bekanntheit der App und nicht die Empfehlung aus einer beliebigen Rückbildungsgruppe.
Gerade nach einer Geburt können mehrere Beschwerden gleichzeitig auftreten. Eine Frau kann unter Belastungsinkontinenz und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr leiden. Sie kann einen starken Harndrang entwickeln und gleichzeitig einen verspannten Beckenboden haben. In solchen Fällen ist ein eindimensionales Training nicht immer ausreichend. Die Beschwerden sollten getrennt betrachtet und gegebenenfalls parallel behandelt werden.
Auch der Zeitpunkt nach der Geburt ist relevant. Im frühen Wochenbett gelten andere Voraussetzungen als Monate später beim Wiedereinstieg in Joggen, Rückbildungskurs oder Krafttraining. Bei frischen Geburtsverletzungen, einer Operation, starken Schmerzen oder unklaren Blutungen sollte nicht eigenständig mit intensiven Übungen begonnen werden.
Evidenz, Alltagstauglichkeit und offene Grenzen
Die Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis bedeutet, dass für die Anwendung ein positiver Versorgungseffekt nach den geltenden Anforderungen nachgewiesen werden muss. Das ist ein wichtiger Unterschied zu einer gewöhnlichen Fitness-App. Es bedeutet aber nicht, dass jede Patientin denselben Erfolg erzielt oder dass die App für jede Form von Beckenbodenschwäche geeignet ist.
Digitale Beckenbodentherapie funktioniert besonders dann plausibel, wenn die Patientin eine passende Indikation hat, die Übungen korrekt durchführen kann und im Alltag ausreichend Regelmäßigkeit aufbringt. Das klingt banal, ist aber der entscheidende Punkt. Eine App kann Termine und Trainingseinheiten ersetzen, nicht jedoch die aktive Mitarbeit.
Bei einer Belastungsinkontinenz kann es außerdem notwendig sein, die Übungen mit einem sicheren Belastungsaufbau zu verbinden. Wer direkt wieder auf dem alten Sportniveau trainiert, obwohl der Beckenboden bei Husten, Springen oder schwerem Heben noch nicht belastbar ist, braucht mehr als eine Erinnerung auf dem Smartphone. Belastungssteuerung, Atmung und die Koordination von Rumpf und Beckenboden gehören ebenfalls dazu.
Bei einer überaktiven Blase wiederum kann der Erfolg davon abhängen, ob die Patientin die Drangstopp-Strategien in konkreten Alltagssituationen anwenden kann. Ein Trainingsmodul ist hilfreich, aber der entscheidende Moment kommt oft beim Einkaufen, auf dem Spielplatz oder nachts auf dem Weg zur Toilette.
Bei Schmerzen und Vaginismus ist schließlich die Vertrauensbasis wichtig. Ein digitales Programm kann niedrigschwellig sein und einen geschützten Einstieg ermöglichen. Wenn Schmerzen zunehmen, die Übungen Angst auslösen oder eine körperliche Ursache nicht ausgeschlossen ist, braucht es dennoch eine persönliche Abklärung.
Die Frage nach DiGA-Beckenbodentraining-Erfahrungen lässt sich daher nicht mit einem allgemeinen Ja oder Nein beantworten. Positive Erfahrungen sind wahrscheinlicher, wenn die Anwendung zur Diagnose passt, die Erwartungen realistisch sind und bei Problemen eine fachliche Ansprechperson erreichbar bleibt. Eine App, die für die falsche Indikation eingesetzt wird, ist nicht automatisch schlecht – sie ist schlicht nicht das passende Werkzeug.
Fazit: Sinnvolle Ergänzung mit engem Indikationsrahmen
Die drei BfArM-gelisteten DiGA Kranus Mictera, INKA und HelloBetter Vaginismus Plus sind keine identischen Beckenboden-Apps auf Rezept. Kranus Mictera richtet sich vor allem an Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz. INKA konzentriert sich auf überaktive Blase und Dranginkontinenz. HelloBetter Vaginismus Plus behandelt Vaginismus und nichtorganische Dyspareunie mit einem psychologisch begleiteten Ansatz.
Für Frauen mit passender Diagnose können die Programme eine niedrigschwellige und von der gesetzlichen Krankenkasse übernommene Therapieoption sein. Besonders dann, wenn eine spezialisierte Physiotherapie nicht zeitnah erreichbar ist, bietet die digitale Struktur einen praktischen Vorteil. Die Anwendungen geben Übungen, Informationen und Verhaltensstrategien vor und können helfen, aus guten Vorsätzen eine regelmäßige Routine zu machen.
Sie ersetzen aber keine Untersuchung, keine individuelle Befundung und keine manuelle Physiotherapie, wenn diese erforderlich ist. Nach einer Geburt gilt das besonders: Urinverlust ist häufig, aber nicht immer harmlos oder mit demselben Training zu behandeln. Schmerzen, Senkungsgefühle, starke Verspannungen oder Probleme bei der Blasenentleerung gehören fachlich eingeordnet.
Die beste Antwort im Vergleich von Pelvina oder Kranus sowie anderen digitalen Angeboten lautet deshalb nicht: Welche App ist insgesamt die beste? Entscheidend ist, welche Anwendung zur konkreten Diagnose passt und ob ihre Grenzen bekannt sind. Als gezielter Therapiebaustein können DiGAs die Versorgung erweitern. Als Ersatz für eine gründliche Beckenbodenabklärung taugen sie nicht.